Auslandsaufenthalt an der Universität Leiden, Niederlande

by Martin Clausen (mc AT rotgradpsi DOT de)

Vorbereitung

Vom Anfang des Studiums an wollte ich unbedingt ins Ausland. Der Auslandsaufenthalt sollte dabei eine Kombination aus Vorlesungen und Arbeit in einer Arbeitsgruppe bieten.
Auf viel Papierkrieg und Auswahlgespräche hatte ich keine Lust, daher habe ich mich für das Erasmus-Programm der EU entschieden. Geld gibt es zwar auch etwas, aber wichtiger sind der einfache Zugang zum Studienplatz im Ausland, also keine Studiengebühren und keine Sprachtests.

Auswahl der Universität

Ich habe mich anhand der folgenden Punkte entschieden: Amsterdam erschien mir zu hektisch, die Forschungsthemen in Leiden schienen mir interessanter als die in Upsala.

Sprache

Ich habe mich hier mittels eines Sprachkurses an der VHS auf Niederländisch vorbreitet. Im Radio konnte ich dem Inhalt folgen, lesen geht auch (je nach Text), Einkaufen ist möglich (da muß ich ja selbst reden), nur in der Kantine habe ich einfach nix verstanden. Das liegt sicher auch daran, daß ich mich für Sprachen nicht wirklich begeistern kann und die Niederländer es einem so einfach machen, weil sie gerne und gut Englisch sprechen. Deutsch sprechen auch viele, sind sich aber oft unsicher und benutzen darum lieber Englisch. Jedenfalls scheint das bei den jüngeren der Grund zu sein.

Bewerbung

Beworben habe ich mich bei der Fakultät in Konstanz, nachdem ich zuvor die Arbeitsgruppe in Leiden per Email kontaktiert hatte.

Leiden

Ein paar Kenndaten zu Leiden: die Stadt mit der ältesten Universität der Niederlande, durch Produktion von Tuch im Mittelalter reich geworden, schöne Innenstadt natürlich mit viel Wasser, Ziel von Touristen aus aller Welt, einige Museen, 130.000 Einwohner (ohne Vororte), Den Haag ist mit der Bahn nur wenige Minuten entfernt, Amsterdam und Rotterdam sind auch nicht mehr als 30 Minuten Fahrt entfernt (Zug alle 15 Minuten), die Küste liegt in der Reichweite einer kurzen Radtour.
Wohnen ist ein schwieriges Thema in Leiden (hier die offizielle Ansicht dazu, was will mir der Satz "It's SLS' aim to make your stay a stay you'll never forget." auf der Hauptseite des Stichting Leidse Studentenhuisvesting (SLS) sagen?). Konstanzer mögen ja einiges gewohnt sein, Leiden liegt etwas darüber. Über das Austauschprogramm bin ich in der Hooiegracht 15 untergekommen. Dies ist ein altes Krankenhaus, also ein Gebäude mit laaangen Gängen und sehr hohen Räumen. Eigentlich hätte das Gebäude durchaus seinen Reiz, schade. Nun, es soll schon schlimmer ausgesehen haben, der wichtigste Teil der Renovierung war schon abgeschlossen, als ich einzog. Die Wohnqualität variiert sehr je nach Mitmenschen (mit denen man sich Toilette, Dusche und Küche teilt) und ob man an der ruhigen Rückseite oder der lauten Front an einer Durchgangsstraße wohnt. Ich hatte mit allem Glück und das einzige Zimmer mit einem eigenen Waschbecken. In der Umgebung gibt es gute Einkaufsmöglichkeiten (auch Aldi) und den Wochenmarkt am Samstag sollte man sich nicht entgehen lassen: Beim Türken Fladenbrot und Feta in Öl mit Kräutern sowie erträgliches Brot vom Bäckerstand. Gemüse kann man auch kaufen, sieht dem im Supermarkt aber doch sehr änlich.

Die Umgebung erkundet man am besten mit dem Rad. In spätestens 45 Minuten ist man am Strand. Entlang der Küste zieht sich ein Dünenstreifen mit einem Radweg. Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte ist man jedoch nie allein. An der Küste liegen auch einige gar nicht so kleine Städte, die jedoch aussehen, als ob die beste Zeit schon hinter ihnen liegt. Die Niederländer selbst fahren lieber nach Süden. Wer in einem der Seebäder ein Eis kauft, kann dies auch auf Deutsch tun, die Deutschen scheinen weder durch Preise, Qualität der touristischen Angebote an der Küste noch durch die Überfüllung des Strandes zu erschrecken zu sein. Achja: Holland sind eigentlich nur zwei Provinzen: Nord- und Zuid-Holland, der ganze Staat heiß Nederland. ;-)

Die Universität Leiden

Mit ca. 14.000 Studenten ist die Universität Leiden einiges größer als Konstanz, aber da sich die Universität über die ganze Stadt verteilt, fällt dies kaum auf. Die Naturwissenschaften, sind mittlerweile komplett an den Stadtrand in einen Neubau (70er bis jetzt) umgezogen.
Im Gegensatz zur Universität Konstanz hat Leiden auch Geschichte: Im 16. Jahrhundert rebellierten die Niederländer gegen die Spanier. Leiden wurde belagert, hielt aber bald ein Jahr durch, bis die Spanier abzogen. William von Oranien bot ein Geschenk an: Entweder eine Universität oder einige Jahre Steuerfreiheit. Und so wurde tatsächlich eine weitsichtige Entscheidung getroffen: Die Universität Leiden wurde 1574 gegründet. Die Tradition ist auch heute noch bemerkbar: Wer die Chance hat, sollte sich die Antrittsrede eines neuen Professors in den alten Gebäuden nicht entgehen lassen.

Fakultät Physik

Wenn man betrachtet, wie viele Lehrtühle für Physik an der Universität Leiden sind, ist die Anzahl der Studenten doch sehr gering (2003: gesamt ca. 150). Die Doktoranden werden dann aus aller Welt angeworben, was ein recht internationales Flair ergibt. Forschungsthemen sowohl in Theorie als auch im Experiment sind z.B.: Tieftemperaturphysik, Ein-Atomkontakte, Biophysik, Spektroskopie und Oberflächsenphysik. Genau steht es natürlich auf der Homepage der Fakultät.

Wer sich in Leiden mit Physik beschäftigt ist in guter Gesellschaft: ... und ich habe als Erster in Leiden Nanotubes wachsen lassen, sowie AFM an Molukülen des menschlichen Immunsystems gemacht. ;-)

Studium der Physik in Leiden

Ich denke das Niveau ist in den Niederlande ähnlich wie in Deutschland. Ich habe nur Veranstalltungen besucht, die von der Einordnung in das Studium Wahlpflichtfächern entsprechen. Es gibt keine Übungsgruppen für Wahlpflichtfächer und die Wahlpflichtfächer werden niedrieger bewertet. Aber das Studium ist gut planbar, da die Wahlpflichtfächer vorher festgelegt werden.
Im Gegensatz zum Studium in Konstanz beruhen die Noten nahezu ausschließlich auf Klausuren. Für die Wahlpflichtfächer habe ich jedoch keine Klausur schreiben müssen. Stattdessen eine mündliche Prüfung (Linear and non-linear Spectroscopy Molecular Systems), einen Vortrag mit Ausarbeitung (Caput Course Biofysics), ein Essay (Physics of Protein-DNA Interactions) und einmal Mitarbeit im Kurs durch Vorträge (Surface Physics). Auch die Arbeit im Labor und der dazu gehörige Bericht wurden mit einer Note bewertet.
Sehr wichtig für die Anerkennung der praktischen Arbeit war die Vergabe von ECTS-Punkten, denn diese sind auch für das FP festgelegt. Damit ergab sich natürlich eine recht eindeutige Bewertung meiner Arbeit hier in Konstanz.

Arbeit in der Arbeitsgruppe

Die Arbeitsgruppe, in der ich gearbeitet habe, ist auf Scanning Probe Microscopy spezialisiert. Die Geräte bauen sie z. T. selbst, denn für die Forschung brauchen sie ganz besondere Qualitäten. Am besten gibt da ihre wirklich gute Homepage Auskunft.
Manchmal hätte ich mir etwas mehr Unterstützung gewünscht. Vielleicht habe ich ja auch einen so selbstständigen Eindruck gemacht, so als ob ich das nicht nötig hätte oder ich konnte meine Fragen nicht genau genug stellen. Sonst war die Zusammenarbeit gut und mir wurde sehr große Freiheit gewährt.
Generell waren Freizeit und Arbeit eher getrennt, auch wenn ich mich an einige sehr schöne Strandparties und nette Abende erinnern kann. Dennoch habe ich keinen richtigen Anschluß gefunden. Dabei ist zu beachten, daß sich das studentische Leben hauptsächlich in Vereinigungen abspielt. Das war mir jedoch am Anfang nicht klar und ich mag solche Vereine eigentlich auch nicht. In den Vorlesungen waren nur wenige oder keine Studenten (z. B. eine quasi Privatveranstaltung des Professors für seine Arbeitsgruppe).
Noch zu erwähnen bleibt, daß es in den Niederlanden generell unbekannt ist, Studenten für Arbeit zu bezahlen.

Resume

Es hat zwar gedauert, aber schließlich habe ich doch ein schönes Zeugnis in den Händen halten können. Schön bezieht sich nicht nur auf die Noten, mit denen ich auch zufrieden bin, sondern auch auf das Aussehen. Mein Vordiplom ist da doch eher nur ein Stück Papier. Die Warterei muß ich nur zum kleineren Teil auf die eigene Fahne schreiben, denn die Korrektur meines Berichtes hat ca. 3 Monate gedauert.
Die praktische Arbeit hat fast das ganze FP abgedeckt, ein Seminar hatte ich ins 5. Semester vorgezogen, im 7. Semester habe ich das andere Seminar und zwei Wahlpflichtfächer abgearbeitet. Im 8. Semester werde ich Kerne und Teilchen sowie Elektrodynamik nachholen sowie mich auf die Diplomprüfungen vorbereiten. Insgesamt ist mir damit kein Zeitverlust durch das Auslandssemester entstanden. U. U. hätte ich versuchen können mir Kurse als Seminar anerkennen zu lassen, um den Stundenplan etwas zu entspannen.
Unerfreulicherweise wurde mir zum Ende mitgeteilt, daß die letzte Erasmus Rate nicht gezahlt wird, da die Mittel erschöpft seien.

Links

LinkSprache
Universität LeidenNiederländisch
Englisch
Fakultät Physik der Universität LeidenNiederländisch
Englisch
Arbeitsgruppe von Joost Frenken (Interface Physics)Englisch

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